NORCAL | ZURÜCK ZUM MEER

BeachLife in Nordkalifornien.


Ich mag Bäume! Laubexemplare lieber als solche mit Nadeln, Gruppen lieber als Einzelgänger, und je weitläufiger und unerschlossener ein Waldgebiet ist, desto besser fühl ich mich. Ich finde Baumhäuser sind eine grandiose Wohn-Alternative, liebäugle schon seit geraumer Zeit mit einem Baumzelt und nehme bis dahin auch gerne mit einer Hängematte vorlieb.


Das Geräusch von Wind in Baumwipfeln ist beruhigend wie Meeresbrandung, die saisonale Färbung der Blätter ist ein visueller Rausch und Holz macht in fast jeder Form eine verdammt gute Figur. Sogar im Feuer. Im konkreten Fall kommt noch das wortwörtlich biblische Alter der verholzten Pflanzen hinzu. Seit über 2000 Jahren wurzeln einige dieser Burschen schon an den küstennahen Hängen, trotzen den Elementen und Menschen. Vor allem Letzteres ist beachtlich, denn der Einschlag der Siedler hatte de facto verheerendere Folgen als diverse Waldbrände der vergangenen Dekaden.


Ich bin mächtig beeindruckt. Die gedämpften Geräusche, das diffuse Licht, der erdige Geruch. Unser Zelt, ganz klein zwischen Stämmen dick wie... mir fehlt es an bildlichen Vergleichen. Doch nach Tagen ohne direktes Sonnenlicht, ständiger Feuchtigkeit und teils dichtem Nebel wächst die Sehnsucht nach Meer. Wir müssen raus aus diesem Wald!



In Leggett wähnen wir uns schon in Küstennähe, biegen nach rechts ab und verlassen damit zum ersten Mal seit wir die USA unter die Räder genommen haben den Highway 101. »One« heißt jetzt das zielführende Asphaltband Richtung Süden. Oder wie zur Beflügelung unserer Ozean-Sehnsucht: Shoreline Highway. Von einem knackigen Anstieg war auf dem letzten Campground die Rede, von einem hart erkämpften Weg zum Meer. Gemunkelt wird aber viel und unsere Kondition ist im Laufe der letzten Wochen merklich gestiegen. Also Attacke!



Wir freuen uns dabei diebisch, tun aber cool.


Wir schnupfen ein mäßig sympathisches dafür aber umso ambitionierteres polnisches Pärchen (freuen uns dabei diebisch, tun aber cool) und pedalieren stoisch, Serpentine um Serpentine, gegen die Gravitation. Irgendwann fällt die Phrase »never ending climb«. Die Sonne brennt, der Schweiß tropft und unsere Motivation ist irgendwo zwischen Talsohle und den schiebenden Polen vom Rad gesprungen. Irgendwann geht es in langen Kurven bergab, doch der Schisskuppen von einem Berg hält noch einen zweiten Anstieg für uns bereit

 

Die Abfahrt ist ein Fest auf der Ideallinie und wir sind rückblickend echt erstaunt, was mit verhältnismäßig simplen Fahrrädern und unverhältnismäßig schwerem Gepäck fahrdynamisch möglich ist. Klar, der Druckpunkt der Bremsen ist gar nicht mehr als solcher zu bezeichnen, der eigentlich ziemlich steife Alu-Rahmen macht in den Kurven plötzlich auf verwindungsfreudig und ja, im Weg stehen darf uns auf diesen Abfahrten auch nichts. Aber dem allen zum Trotz können wir es bergab mittlerweile ziemlich fliegen lassen. Wie zum Dank für unsere Materialignoranz bricht mir ein paar Meilen weiter wieder einmal eine Speiche. Yay!



Wieder am Meer zu sein ist großartig. Die Szenerie und Stimmung ist so schön, eine aufwändige Inszenierung hätte nicht besser abbilden können, was sich landschaftlich vor unseren Vorderrädern auftut. California at its best.


Obwohl es schon Anfang Oktober ist, ist das Klima selbst für diesen Landstrich heiß und trocken. Auf der ganzen Tour haben wir selten so hohe Temperaturen gehabt und die anhaltende Dürre ist bei den Locals Thema No 1. In einigen State Parks ist das Wasser für die Duschen abgedreht und läuft es doch mal aus dem Hahn, appellieren diverse Schilder sparsam mit dem kostbaren Nass umzugehen. Golfplätze und die parkartig begrünten Villen der kalifornischen Oberschicht sind von dieser Regelung selbstverständlich ausgenommen und zeigen sich dank großzügiger Bewässerung in den schönsten Grüntönen. Fuck off!



Unser Wasserkonsum beschränkt sich hauptsächlich auf abendliche Katzenwäschen und den täglichen Durchlauf an Trinkwasser. Wir saufen wie Kamele nach mehrmonatiger Wüstendurchquerung. Zwar hält die hiesige Topographie keine langen harten Anstiege für uns bereit, dafür summieren sich die täglichen Höhenmeter durch die permanente Berg- und Talfahrt. Die »One« lässt kein ausgetrocknetes Bachbett aus, schwingt sich anschließend meist von Meeresniveau sehr steil hügelaufwärts, nur um wenige hundert Meter später wieder im nächsten Canyon zu verschwinden. Die Fahrerei ist trotz aller Anstrengung mega spaßig und abwechslungsreich. Die Mittagshitze verbringen wir oft auf ausgebleichten Holzterrassen in winzigen Nestern, essen lecker home made Burger, gucken raus aufs Meer und schlürfen dazu das spätsommerliche, kalifornische Licht. Abende enden mit Lokalbräu im Sonnenuntergang, Tage beginnen mit einem Sprung in den kalten Pacifico. Das Leben könnte nicht besser sein!


Jede Kurbelumdrehung bringt uns näher an San Francisco. Zwei Tage beißen wir uns durch die zähe, träge und von aggressiven Moskitos geschwängerte Hitze von Marin County, verbringen eine letzte Nacht im Kreis einer sehr bunten, netten Schar von Radreisenden und stehen am nächsten Mittag vor den Toren der Stadt. Ein kurzer Kaffee-Stopp im hippen Fairfax (am Fuße des Mount Tamalpais, der Wiege des Mountainbikens), einige Kilometer in wechselnder Begleitung von Myriaden Spandex-tragender Rennradfahrer und plötzlich haben wir das Ziel der letzten 1300 Kilometer vor Augen. Crazy shit!


Es ist Sonntag und die Bay ist voller Segelschiffe, als wir Richtung Sausalito rollen. Ein unbekannter Radfahrer korrigiert freundlicherweise einen kleinen Navigationsfehler, schenkt uns seine Karte und erklärt einen velokompatiblen Weg zur Golden Gate Bridge. Wirklich begreifen kann ich die Situation ehrlich gesagt nicht, als ich Greta folgend auf die Rampe der Brücke zufahre.


/Al

 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Malu (Montag, 19 Januar 2015 23:09)

    Hmmmm, Westküsten-Prosa und kalifornisches Licht mit Suchtfaktor :-)
    Eure Reiseberichte werden mir fehlen!

  • #2

    Maria M. (Dienstag, 20 Januar 2015 22:05)

    Endlich wieder einmal der Duft und der Sog der Ferne! Die saloppe Sprache vermittelt sehr gut Euer Lebensgefühl. Ich fühle mich um etliches jünger. Eure Abfahrten darf ich mir nicht ausmalen, sonst hüpft das Herz. Eure Schutzengel lieben Euch.

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Alan und Greta schreiben für den Blog Backcountry Diaries über das Leben Outdoor, die Radreise in Kanada und USA und Campingausrüstung.

Backcountry Diaries erzählt Geschichten von Abenteuern mit dem Mountainbike – auf kleinen Ausflügen, langen und kurzen Reisen, mit viel oder wenig Gepäck, auf Trails in der Eifel oder Highways in Kalifornien. Wir sind Alan und Greta, wohnen in Köln und teilen uns unsere Wohnung mit vier Montainbikes – zumindest wenn wir nicht gerade unsere vier Wände gegen ein Zelte eingetauscht haben.

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Backcountry Diaries erzählt Geschichten von Abenteuern mit dem Mountainbike – auf kleinen Ausflügen, langen und kurzen Reisen, mit viel oder wenig Gepäck, auf Trails in der Eifel oder Highways in Kalifornien. Wir sind Alan und Greta, wohnen in Köln und teilen uns unsere Wohnung mit vier Montainbikes – zumindest wenn wir nicht gerade unsere vier Wände gegen ein Zelte eingetauscht haben.


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