Kalifornische Pannenserie

Die Freude über eine erneute Panne kann ich nur schwer zurück halten.

Mit einem ohrenbetäubenden Knall verlassen wir Oregon und eine kleine, feine Pannenserie findet ihre Fortsetzung. Im ersten Moment weiß ich noch gar nicht so recht wie mir mir geschieht und bis die Erkenntnis durchgedrungen ist, hab ich schon ein paar Meter auf dem blanken Laufrad zurückgelegt. Der verdammte Vorderreifen ist geplatzt. Schlingernd komm ich zum Stehen. Mir pfeifen die Ohren und Greta schaut mich verdutzt an. Dann müssen wir erstmal bissl lachen. Schlauch und Reifen haben sich vom Laufrad verabschiedet und hängen lose zwischen Nabe und Gabel. Bergab wäre der kleine Zwischenfall zum großen Desaster mutiert und ich hätte vermutlich in Folge eines Lowsiders einen unangenehmen Abflug hingelegt. Jetzt lache ich noch lauter und erkläre mit ungezügeltem Optimismus, dass wir den Schlauch schon wieder repariert kriegen. Den 15 cm langen Riss hab ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht gesehen.


Sieht eindeutig schlimmer aus als es ist.

Man könnte jetzt menschliches Versagen als Ursache für das Intermezzo anführen, schließlich habe ich nach der Reparatur der gebrochenen Speiche am Hinterrad alle 4(!) Reifen an der Tankstelle großzügig (7 bar) mit Luft befüllt und mich circa 5 Kilometer lang diebisch über den geringen Rollwiderstand gefreut, bevor die Ausgelassenheit kurzzeitig von besagtem Knall unterbrochen wurde. "Materialermüdung" geht mir besser von den Lippen. Der Schlauch war ja schon alt. Echt mal.

Ein paar Kratzer, eine kleine Beule und schon ist das Vertrauensverhältnis zum Material dahin.


Den kleinen Riss kann man sicherlich wieder flicken. Jaja, wer den Schaden hat...

Wie auch immer, die Stelle könnte für eine Reparatur kaum geeigneter sein. Ratzfatz ist das ganze Geraffel abgepackt und das Werkzeug zur Hand. Die Felge hat zwar ein paar Blessuren davon getragen und eiert merklich, aber ein Ersatzschlauch ist schnell aus der Packtaschen gezogen und routiniert aufgezogen. Jetzt haben beide Räder eine fette Acht. Mit deutlicher Unwucht und dezent getrübtem Vertrauen in die Stabilität meiner Laufräder fahren wir gen Redwood Forest.

Viel Platz für viel Gepäck. Eine nette Lady aus der Nachbarschaft bietet uns sogar Wasser an. Nett sind se, die Amis.

Zwei Tage später stehen wir in Arcata, einer Neohippie-Bastion in Nordkalifornien. Der local Bikeshop hat auch am Sonntag die Pforten offen stehen und in der Werkstatt nimmt man sich umgehend meinen geschundenen Laufräder an. Alles halb so wild, erklärt mir der Mechaniker und bring die Räder wieder ins Lot.
Doch die Freude über mein zentriertes Gefährt währt nicht lange. Nach zwei harten Climbs und entsprechend ausgelassenen, schnellen Abfahrten (Video folgt) verabschiedet sich bei Westport eine weiter Speiche meines Hinterrads. Mit einem scheppernden Geräusch gibt das sensible Bauteil auf und lässt das Rad samt der verbleibenden Verstrebungen mit dem altbekannten Seitenschlag zurück. Unter den Radreisenden sind wir - laut Jamie aus Texas - talwärts die schnellsten und offenbar finden meine filigranen Messerspeichen weniger Gefallen an den Abfahrten und Haarnadelkurven als ich. Über 65 km/h zeigt das GPS für den Tieflug gen Küste an. Solange der Rahmen hält....

In Arcata nimmt man sich meinen eiernden Laufrädern mit dem richtigen Werkzeug und Knowhow an.

Speichen ersetzen gehört jetzt zu unserem Repertoire und mit einem simplen Kabelbinder-Lifehack werde ich zumindest dem groben Seitenschlag Herr. Immerhin, bis Santa Cruz gab es - trotz der improvisierten Reparatur und rund 800 gefahrenen Kilometern -  keinerlei Ausfälle zu beklagen. Die Ersatzspeichen sind allerdings jederzeit zur Hand und auch mit dem Luftdruck halten wir uns bissl zurück - quasi um der Materialermüdung vorzubeugen.

/Al

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Kommentare: 4
  • #1

    Malu (Montag, 20 Oktober 2014 22:13)

    OMG ! Nur gut, dass ihr noch drüber lachen könnt!
    GUTE FAHRT !

  • #2

    Maria M. (Dienstag, 21 Oktober 2014 19:13)

    Ein Glück, dass Ihr wohlbehalten seid. 65 km/h----mir braust's um die Ohren und um's Herz! Ihr habt noch jede Menge Zeit für Langsamkeit und Genuss, scheint mir.

  • #3

    schnuuf (Donnerstag, 23 Oktober 2014 12:38)

    Ali!!!
    coole Bilder (wie immer), coole bikes (wenn sie laufen), coole Dudes (und Dudettes), COOLE SACHE!
    Ride on, all the best!

  • #4

    Al (Freitag, 24 Oktober 2014 21:58)

    Schnuuuuuf, gut von dir zu hörn!
    Habe gerade die Bilder eures letzten Ausritts begutachten & meine, wir sollten bald mal wieder was zusammen starten. Außerdem liebäugeln wir mit was schnellerem für die Straße und könnten fachmännische Beratung in Sachen oldschool Stahlrahmen gebrauchen.
    Bestes

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Alan und Greta schreiben für den Blog Backcountry Diaries über das Leben Outdoor, die Radreise in Kanada und USA und Campingausrüstung.

Backcountry Diaries erzählt Geschichten von Abenteuern mit dem Mountainbike – auf kleinen Ausflügen, langen und kurzen Reisen, mit viel oder wenig Gepäck, auf Trails in der Eifel oder Highways in Kalifornien. Wir sind Alan und Greta, wohnen in Köln und teilen uns unsere Wohnung mit vier Montainbikes – zumindest wenn wir nicht gerade unsere vier Wände gegen ein Zelte eingetauscht haben.

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