Die Aberdeen-Apokalyse

Raus mit dem Dreck, der Himmel ist ja eh schon grau.

Nach fast acht Wochen nahezu ununterbrochenem Sonnenschein stellt sich beim Anblick wassergesättigter Nebelschwaden und tiefhängender Regenwolken schlichtweg Bestürzung ein. Normalerweise kann ich jedem Schmuddelwetter etwas abgewinnen - nicht so heute.
Das Zelt ist nass, der Schlafsack klamm und als die Fahrräder endlich fertig gepackt sind und wir aufbrechen, tut mir schon nach den ersten 50 Metern der Arsch weh. Prima!

Die hintere Bremse fängt rhythmisch an zu quietschen und hört damit auch nicht mehr auf, dafür schlafen schon bald die äußeren Finger beider Hände ein. Es gibt Tage, da sollte man einfach im Schlafsack liegen bleiben....

Roadkills, Dreck und Müll im Straßengraben. Rußende oversize Holz-Lastwagen, die meist nur eine Armlänge entfernt vorbei ziehen. "Nä, wat schön mit dem Velo zu reisen...", denk ich mir und drücke die Kopfhörer tiefer ins Ohr. Portishead, passt ja wie die Faust aufs Auge zur scheinbar bevorstehenden Apokalypse. 

Schläft's oder ist es tot? In Aberdeen vermutlich eher Zweiteres.

Am Horizont materialisiert sich die Tristesse in Form einer geduckten, finsteren Stadt aus dem kalten Küsten-Nebel. Das Grauen hat einen Namen - Aberdeen. Die Schwaden der angrenzenden Industrieschlote wabern im Westwind über die Siedlung hinweg.
Der Verfall muss schon vor langer Zeit eingesetzt haben. Wie Pocken ragen die heruntergekommenen Häuser aus der Landschaft. Nichts scheint hier intakt zu sein, nichts einen Anreiz zu geben, länger als nötig bleiben zu wollen. Wir biegen von der Hauptstraße ab. Scheinbar verlassene Grundstücke säumen den Weg. Unachtsam zurückgelassenes Plastikspielzeug liegt auf den Grundstücken. Von den Besitzern ist weit und breit nichts zu sehen. Aber es würde mich kaum wundern, wenn sie in Zombiemanier mit glimmenden Augen und lethargischen Schritten ums Eck biegen würden. Aus einer Ruine wehen alte Gardinen aus dem Fenster. Creepy! Das sähe auch bei Sonnenschein und ungetrübtem Optimismus bescheiden aus.

Ich denke an Fäulnis, Verwesung, menschliche Dramen und versteckte Meth-Küchen. Hunde bellen uns aus liebevoll umzäunten Vorgärten an und die nächste Windböe nimmt mit, was sich an losem Zivilisationsabfall auf der grob geteerten Straße sammelt. Schnell weg hier!

Jemand da? Ziemlich verlassen das Nest. Man kann es niemandem verdenken....

Immerhin liefert Aberdeen mit seiner eindrücklich morbiden Atmosphäre einen denk- und dankbaren Erklärungsversuch für Kurt Cobains Faible für harte Drogen und Schrotflinten. Nirvanas Frontman stammte nämlich aus dieser düsteren Ecke Washingtons und muss hier den Grundstein zu seiner Musik und seinem kurzen Leben gelegt haben.

Was kostet die Welt? Egal, Aberdeen wollte ich geschenkt nicht haben!

Ein schneller Blick auf die Karte. Gray Port, Grays Harbour, Gray Gables... hört das denn gar nicht auf? 
Wir fahren zum Meer, da sieht die Welt meistens besser aus. Nach Grayland vielleicht?

/Al

Kommentar schreiben

Kommentare: 4
  • #1

    Jutta (Montag, 01 September 2014 09:05)

    Da passt es ja hervorragend zum Original in Schottland. Nur ist es dort silbergrau und wirklich schön und glitzernd in seiner kalten Optik.

  • #2

    Maria M. (Dienstag, 02 September 2014 21:21)

    Die Schwarz-Weiß-Aufnahmen vermitteln die Athmosphäre, dass sie einem unter die Haut geht. Hoffentlich hellen sich Himmel und Stimmung bald auf.

  • #3

    Liesl R (Freitag, 05 September 2014 22:04)

    Ich würde wahrscheinlich wieder nach Kanada umkehren. Wobei da wird es bestimmt auch bald eher frisch.... Also doch schnell weiter gen Süden!

  • #4

    Malu (Samstag, 06 September 2014 00:32)

    Der Text, sehr anschaulich geschrieben, geht unter die Haut und die Bilder unterstreichen eindrucksvoll das düstere Szenario. Oh mein Gott! Vergesst Cobain und seht zu, dass ihr in die Sonne und damit aus dieser Grunge-Stimmung kommt! Alan, du weißt ja um die heilende Kraft der Sonne! Haltet durch!!!

about

Alan und Greta schreiben für den Blog Backcountry Diaries über das Leben Outdoor, die Radreise in Kanada und USA und Campingausrüstung.

Backcountry Diaries erzählt Geschichten von Abenteuern mit dem Mountainbike – auf kleinen Ausflügen, langen und kurzen Reisen, mit viel oder wenig Gepäck, auf Trails in der Eifel oder Highways in Kalifornien. Wir sind Alan und Greta, wohnen in Köln und teilen uns unsere Wohnung mit vier Montainbikes – zumindest wenn wir nicht gerade unsere vier Wände gegen ein Zelte eingetauscht haben.

Artikel

backcountry diaries

Backcountry Diaries erzählt Geschichten von Abenteuern mit dem Mountainbike – auf kleinen Ausflügen, langen und kurzen Reisen, mit viel oder wenig Gepäck, auf Trails in der Eifel oder Highways in Kalifornien. Wir sind Alan und Greta, wohnen in Köln und teilen uns unsere Wohnung mit vier Montainbikes – zumindest wenn wir nicht gerade unsere vier Wände gegen ein Zelte eingetauscht haben.


home is where your...

Random