Westcoast is best coast

Camping mit Feuerstelle in Tofino. So lässt sich das Outdoor-Leben einer Radreise aushalten.

Ausnahmsweise herrscht heute mal kein Feuerverbot. Da lassen wir uns nicht zweimal bitten.

Wenn ich an die Westküste von Vancouver Island dachte - lange bevor der Plan zu der Reise entstand - hatte ich immer dichte Wälder im Kopf, die bis an den tosenden, kalten und perfekte Wellen formenden Pazifik reichen. Die weitläufigen Strände bedeckt von hölzernem Strandgut, das auf Grund seiner schieren Größe so manchen Frachter auf offener See in Bedrängnis bringen könnte. Im Hintergrund vielleicht schneebedeckte Gipfel und ein paar marodierende Bären, die Lachse direkt aus einem naturbelassenen Fluss fangen.

Nun, was soll ich sagen... Das Wildnis-Wonderland im Geiste unterscheidet sich nur in beinahe nichtigen Details von der Westcoast-Wirklichkeit. Dichte Wälder - check. Und tatsächlich befinden sich die moosigen Regenwälder in perfekter Koexistenz mit feinen Sandstränden, auf denen lose verteilt mächtige Holzstämme liegen. Der kalte Pazifik - check. Der atemraubenden Wassertemperatur trotzen wir bei Bedarf allerdings mit den eigens mitgeführten Neoprenanzügen. Damit kann man fließend zu den Punkten "tosend" und "perfekte Wellen formend" überleiten, von denen wir uns angesichts des deutlich hinter seinen Möglichkeiten bleibenden Pacificos aber leider distanzieren müssen. Nur soviel dazu: 9"0 und 8"6. Nein, nicht die Koordinaten der erhofften Surfspots, sondern die Länge der Bretter, die nötig waren um in den hüfthohen und mit dem Druck eines umfallenden Wassereimers brechenden Wellen einen angenehmen, jedoch surftechnisch eher flachen Nachmittag zu verbringen.
Schneebedeckte Gipfel - check. Zumindest wenn man den Blick ostwärts über das beinah unglaublich schöne Tofino-Inlet schweifen lässt. Bleiben noch die schaurig schönen Begegnungen mit der lokalen Fauna über die sich Greta an anderer Stelle ja schon ausgelassen hat. Also check. Doublecheck sogar, da uns mittlerweile Bär Nummer 2 am Straßenrand begegnet ist.

Die Zeit in Tofino ist sehr entspannt. In zwei kleinen Etappen hangeln wir uns von Uclulet via Green Point bis zum hochgelobten "Bella Pacifica Campground" hinauf, um festzustellen, dass dort nicht mal mehr ein Platz für unser kleines Zelt zu finden ist. Man schickt uns über die Straße zum "Mackenzie Beach Resort", dessen Name deutlich mehr mondänen Flair erhoffen lässt, als der teure, dafür aber allabendlich überbuchte und mit lausigen drei Toiletten ausgestattete Platz tatsächlich aufzuweisen hat. Dafür ist der Strand nur ein Steinwurf entfernt und der kostenlose, mit Surfrags ausstaffierte Tofino Bus (Surfboards welcome - sic!) fährt direkt vor der Einfahrt ab. In zehn Minuten sind wir mit den Rädern im sehr überschaubaren Ort. Viel Holz, viel indianische Kunst, stylische Cafés und Bars - Tofino ist die Bohème der Westküste, während Ukee den Arbeiter mit dreckigen Fingernägeln mimt. Der Ort lebt vom Tourismus, den Whalewatchern, Kajakern, Surfern und Naturfreaks.
Trotz einer Anhäufung von Dudes müssen wir feststellen, dass es nicht ganz einfach ist, nach 10 pm ein Bier aufzutreiben. Sollte also jemand Tofino als seinen persönlichen "place to be" erachten, könnte er mit der Eröffnung einer guten Kneipe vielleicht für die nötigen Finanzen sorgen. Denn hier zu Leben ist nicht ganz günstig. In fünf Tagen schrumpft unsere Reisekasse zusehends und wir machen uns gut gesättigt, mit etlichen Cappuccini betankt auf den Weg zurück nach Uclulet, wo ich noch am selben Abend 50 herrenlose Dollar auf der Straße finde. Großartig und - da sind wir uns einig - mit Sicherheit auf unser immens gutes Karma zurückzuführen.
Die 50 Bucks wechseln am nächsten Morgen an Bord der betagten Francis Barkley ihren Besitzer und ermöglichen uns eine sechsstündige Passage durch die teils in stimmungsvollen Nebel gehüllten Broken Group Islands zurück nach Port Alberni. Mit behäbig tuckerndem Schiffsdiesel schippert uns der um Erklärungen und Anekdoten nicht verlegene Kapitän durch Nebelbänke und vorbei an kleinen, bewaldeten Inseln, die wie Brotkrumen im Ententeich lose im küstennahen Pazifik verteilt liegen. Grauwale strecken gelegentlich am Horizont ihre Köpfe aus dem Wasser oder hinterlassen zumindest eine Atemwolke, bevor sie buckelnd wieder in den Tiefen verschwinden.
Also wenn ich mir eine Bootsfahrt entlang der kanadischen Westküste vorstellte - lange bevor der Plan zu dieser Reise entstand... Spaß beiseite, das war echt der Hammer!

Mittlerweile sind wir via Nanaimo und Duncan zum Lake Cowichan geradelt und werden morgen bei Port Renfrew erneut auf den Pazifico treffen. Von dort geht's weiter nach Victoria, bevor wir in die USA übersetzen und in Seattle mal wieder bissl urbane Luft atmen werden.
/Al

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Kommentare: 4
  • #1

    Malu (Sonntag, 10 August 2014 00:24)

    Mein Respekt für eure Leistung steigt ins unermessliche :-) Unterwegs gucke ich allen Radfahrern hinterher und bin froh, dass ich die Entfernungen, die vor mir liegen, nicht erstrampeln muss, Die Fotos sind großartig, vor allem die stimmungsvollen Abendbilder und der nebelige Segler.

  • #2

    marnie (Freitag, 15 August 2014 08:52)

    Ein schöner Reisebericht und grandiose Fotos!Mich habt ihr jetzt schon überzeugt: 2015 geht es im Jahresurlaub an die Westküste Kanadas!Viel Freude weiterhin und Macht, du siehst ganz zauberhaft auf den Fotos aus!

  • #3

    Rigo (Samstag, 16 August 2014 18:47)

    Ein schöner Bericht, sehr anschaulich. Sehr gute Foto für eine 7er.

  • #4

    Alan (Montag, 20 Oktober 2014 06:10)

    Haha, gerade erst gesehen. Das kann ja nur jemanden einfallen, der eine 5er sein Eigen nennt :)

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Alan und Greta schreiben für den Blog Backcountry Diaries über das Leben Outdoor, die Radreise in Kanada und USA und Campingausrüstung.

Backcountry Diaries erzählt Geschichten von Abenteuern mit dem Mountainbike – auf kleinen Ausflügen, langen und kurzen Reisen, mit viel oder wenig Gepäck, auf Trails in der Eifel oder Highways in Kalifornien. Wir sind Alan und Greta, wohnen in Köln und teilen uns unsere Wohnung mit vier Montainbikes – zumindest wenn wir nicht gerade unsere vier Wände gegen ein Zelte eingetauscht haben.

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