In a bear country

Begegnungen von Bär und Fahrrad kommen bei einer Radreise schon mal vor.

Ähnlich träge, wenn auch deutlich lebendiger und flauschiger als sein Holzkollege zeigte sich der erste Bär, den wir live und in Farbe beobachten konnten.

Links, rechts, links, rechts. Berge haben sich zu meiner Spezialität entwickelt: Stoisch gelassen, in einem kraftschonenden niedrigen Gang trete ich den nächsten Hügel hoch. Der Blick geht nur bis knapp vor das Vorderrad. Das schont den Nacken und erspart den demotivierenden Anblick der Steigung. In meiner Funktion als Metronom fahre ich vorne weg.


Eigentlich hätte wir schon längst da sein sollen. Stattdessen hat sich herausgestellt, dass unser Etappenziel gar nicht von der Straße aus zu erreichen ist. Also fahren wir erst einmal weiter durch die Wildnis. Mal sehen was noch so kommt. Mit zwei Löffeln Erdnussbutter intus läuft der Motor bestimmt noch ne Weile. Die Müsliriegel sind längst vernichtet, also behelfen wir uns eben anderweitig.


In meinem Kopf singt Paul McCartney über „the long and winding road“. Ich überlege kurz mitzusingen, verwerfe den Gedanken aber. Zur Abwechslung mal den Blick von der Straße abwenden… „Oh verdammt…“ Knapp hinter der Leitplanke, etwa zwei bis drei Meter entfernt, steht ein Schwarzbär. „Alan, da, rechts!“ Nachdenken. Was stand im Bärenratgeber der Provincial Parks? „Der sieht aber schon sehr flauschig aus…“ Teddybärkonnotationen setzen ein und werden schnell wieder verworfen. „Make a wide detour.“ Ok, schnell übersetzen auf die andere Straßenseite und ein paar Meter zwischen uns bringen. Gleichzeitig lasse ich Capt’n Sharky, meine furchteinflößende Haifischhupe, ein paarmal quietschen. Lärm vertreibt Bären schließlich. Der Quietscheenten-Sound klingt angesichts des Szenarios ziemlich erbärmlich.


Alan steht noch immer wie angewurzelt auf der Bärenseite. Meine kryptische Aussage „da, rechts!“ war nicht sehr aufschlussreich und es dauert einen Moment, bis ihm klar wird, was ich meine. Mein überfordertes Hirn hat die Botschaft vermutlich deshalb nicht klarer formuliert, da ich vermeiden wollte, dass der Bär auf uns aufmerksam wird, wenn ich ihn bei seinem Namen, also Bär, nenne. Äh, ja… „Alan, komm mal lieber rüber, ich glaube für Fotos ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt!“ Später erfahre ich, dass ich mit meinem Verdacht richtig lag. Nach „Oh krass, ein Bär!“ war Alans nächster Gedanke „Wie kriege ich jetzt auf die Schnelle das Tele-Objektiv auf die Kamera?“


Aus einer Straßenbreite Entfernung beobachten wir, wie der Bär langsam Richtung Waldrand davon tappst und dabei er hier und da ganz entspannt an ein paar Zweigen knabbert. Nachdem er komplett verschwunden ist, machen wir uns langsam wieder auf den Weg. Die nächsten bergigen Kilometer vergehen wie im Flug, dem Adrenalin sei dank. Ziemlich geflasht von der Begegnung freuen wir uns über die nächste Abfahrt, zur rechten ein beeindruckender Panoramablick auf den Kennedy Lake. Und neben uns segelt ein Weißkopf-Seeadler her.


True Story.


/Gr

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Kommentare: 9
  • #1

    Heidi (Sonntag, 27 Juli 2014 15:47)

    Gut, dass die Geschichte klimpflich ausgegangen ist. Bei Capt’n Sharky hab ich mich weg geschmissen :)

    Ich lese gerne eure Blog-Einträge! Mehr davon!

  • #2

    Maria M. (Sonntag, 27 Juli 2014 21:27)

    Hoffentlich seid ihr in absehbarer Zeit noch richtig zum Essen gekommen. Und hoffentlich verlaufen alle Bärenbegegnungen so glimpflich.

  • #3

    Thorsten (Montag, 28 Juli 2014 06:59)

    Junge, sehr geil geschrieben! Ihr macht das Klasse.

  • #4

    Joris (Montag, 28 Juli 2014 15:01)

    prima Beitrag, schön geschrieben, macht Fernweh und Freude Daumen hoch!

  • #5

    backcountrydiaries (Dienstag, 29 Juli 2014 00:13)

    @Thorsten: Danke, ich geb's weiter! Die Texte, die mit /Gr unterschrieben sind, stammen nicht aus meiner Feder.
    @all: Thx a lot, wir freuen uns sehr wenn's euch gefällt!

    /Al ;)

  • #6

    Rotkopf (Dienstag, 29 Juli 2014 11:37)

    Hör doch auf...langsam werd ich richtig neidisch;)

  • #7

    Fritz (Dienstag, 29 Juli 2014 16:46)

    Das wäre ein klarer Fall für die Savannah katze gewesen. Sehr schön geschrieben, der Bär stand praktisch an meinem Schreibtisch. Euer Blog ist immer Kurzurlaub im Kopf für mich.

  • #8

    Elisabeth FS (Dienstag, 29 Juli 2014 17:16)

    Sehr amüsant! Der Tipp, den Bären nicht beim "Namen" zu nennen, sollte dingend in einschlägige Reiseführer und Bärenratgeber aufgenommen werden! :-D

  • #9

    Maria (Donnerstag, 31 Juli 2014 14:22)

    Capt'n Sharky for life!

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Alan und Greta schreiben für den Blog Backcountry Diaries über das Leben Outdoor, die Radreise in Kanada und USA und Campingausrüstung.

Backcountry Diaries erzählt Geschichten von Abenteuern mit dem Mountainbike – auf kleinen Ausflügen, langen und kurzen Reisen, mit viel oder wenig Gepäck, auf Trails in der Eifel oder Highways in Kalifornien. Wir sind Alan und Greta, wohnen in Köln und teilen uns unsere Wohnung mit vier Montainbikes – zumindest wenn wir nicht gerade unsere vier Wände gegen ein Zelte eingetauscht haben.

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