Rollen oder grippen?

Welche Bereifung ist für eine lange Radreise am besten geeignet?

Die Reifenfrage: Wieviel Profil darf sein?

Was beim Wandern der Schuh ist, ist beim Radfahren der Reifen – er ist das Fundament unserer Tour, und das muss stimmen. Dass der Continental XKing MTB-Reifen, den ich bisher im Gelände fuhr, für ein halbes Jahr und 4.000 bis 5.000 Kilometer vorwiegend auf Asphalt nicht die richtige Wahl ist, war mir irgendwie klar.

Das dumpfe Surren, das er beim Straßeneinsatz von sich gibt, verrät eindeutig, dass in Sachen Rollwiderstand noch Luft nach oben ist. Damit war mein Wissen über Reifen aber eigentlich auch schon am Ende. Vage im Hinterkopf war da lediglich noch das Bild des Reifens, den ich als Kind auf meinem ersten MTB hatte: innen relativ glatt, außen Stollen. Ein Semi-slick, wie ich heute weiß. In diese Richtung könnte der perfekte Tour-Reifen gehen, dachte ich mir.

 

Können muss er jedenfalls einiges, der perfekte Reise-Reifen:

  • Wenig Rollwiderstand auf Asphalt. Das Gepäck und die 26-Zoll-Reifen fordern schließlich schon genug Krafteinsatz.
  • Grip auf nassen Straßen, matschigen Feldwegen, Schotterpisten und eigentlich auch auf weichen Waldböden. Schließlich fahren wir nicht in die Wälder von British Columbia, um die besten Trails aus der Ferne zu bewundern. Nein, wir wollen sie definitiv auch fahren.
  • Pannenschutz: Der Reifen muss natürlich einiges wegstecken können. Ich würde nur ungern nach jeder Glasscherbe das Flickzeug aus den Gepäcktaschen herauskramen müssen.
  • Abriebfestigkeit: Harter Gummi muss es sein, sonst ist der Reifen nach wenigen Wochen durch.

 

Besonders schwierig ist es natürlich, wenig Rollwiderstand und viel Grip unter einen Hut zu kriegen – das widerspricht sich naturgemäß ein wenig. Alan hatte gerade erst sein MTB mit dem Fat Albert aufgerüstet und plädierte für mehr Grip, um auch in den kanadischen Wäldern souverän in die Kurven gehen zu können. Bei mir dominierte hingegen die Faulheit (und vielleicht auch ein wenig die Vernunft, schließlich sind wir die meiste Zeit auf Highways unterwegs), ich wollte möglichst wenig Rollwiderstand. Ein Semi-slick ist beim Grip vs. Rollwiderstand-Batte prinzipiell ein guter Kompromiss, doch meistens sind diese Reifen auf Geschwindigkeit optimiert, d. h. wenig Gewicht und folglich auch weniger Material. Nicht unbedingt optimal in Sachen Pannenschutz und Haltbarkeit, so hab ich mir das zumindest zusammengereimt.

Was also folgte war eine tagelange Recherche auf den Websites aller namhafter Reifenhersteller, ein leicht fanatisches Begutachten aller Reifen, die mir im Stadtalltag an Laternenpfosten und Fahrradständern begegnet sind, ein intensives Studi um verschiedener Reifenmaßsysteme (ETRTO vs. Zoll, und dann noch dieses komische französische Sy stem), und natürlich die Lektüre vonErfahrungsberichten Radreisender. Und wenn sie nichts zu den Reifen geschrieben haben, habe ich auf Bildern ihrer Gefährte detektivisch nach Hinweisen zum Reifen ihrer Wahl gefahndet.

 

Das Ergebnis der Suche: The one and only Schwalbe Marathon Mondial Evolution (55-559). Er ist auf Asphalt ebenso souverän wie auf Schotterpisten und kann dank „Double Defense“ auch fiesen Scherben widerstehen. Die Gummimischung ist ziemlich hart und somit abriebfest. Bei meiner Recherche bin ich auf einen Erfahrungsbericht gestoßen, in dem das Profil des Mondial nach ca. 10.000 km gezeigt wurde – sah fast wie neu aus. Viele gute Argumente also, um auch Alan davon zu überzeugen, sich von seinem Fat Albert zu trennen. 

 

Bei der Tour de Luxembourg bestritt der Mondial seinen ersten Einsatz. Das Aufziehen war sehr mühsam und kostete viel Kraft (ein Reifenheber ging dabei zu Bruch – harter Gummi fordert sein Tribut), was Alans leichte Abneigung gegenüber den neuen Reifen nicht gerade minderte. Ich fand hingegen, dass mein Velo auch noch mit funktionaler Reisebereifung einen schönen Anblick abgab. Das erste Fazit fällt jedenfalls positiv aus. An Untergrund war von Asphalt über Schotter bis hin zu matschigen Forstwegen alles dabei, und nichts konnte den Mondial aus der Ruhe bringen. Irgendwann mitten in der belgischen Prärie, am gefühlt hundertsten Berg bei leichtem Regen in unwegsamen Gelände, vernahm ich schließlich ein »Greta, das mit dem Mondial war schon ne gute Wahl« neben mir. 

/Gr

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Alan und Greta schreiben für den Blog Backcountry Diaries über das Leben Outdoor, die Radreise in Kanada und USA und Campingausrüstung.

Backcountry Diaries erzählt Geschichten von Abenteuern mit dem Mountainbike – auf kleinen Ausflügen, langen und kurzen Reisen, mit viel oder wenig Gepäck, auf Trails in der Eifel oder Highways in Kalifornien. Wir sind Alan und Greta, wohnen in Köln und teilen uns unsere Wohnung mit vier Montainbikes – zumindest wenn wir nicht gerade unsere vier Wände gegen ein Zelte eingetauscht haben.

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